Eine kurze Anleitung zum langen Fruchtgenuss

Früchte essen wir gerne gedankenlos – und das ist auch in Ordnung so. Würden wir obligatorisch bei jedem Fruchtverzehr ein Ritual veranstalten, Gedanken ‚verschwenden‘, so würden wir wohl bald an Vitaminmangel zugrunde gehen. Es ist also durchaus in Ordnung, Früchte einfach schnell mal zwischendurch zu essen – ohne viel dabei zu denken.

Aber ebenso selbstverständlich ist der umgekehrte Fall auch erlaubt, ja von Zeit zu Zeit auch durchaus zu empfehlen: Ganz bewusst und langsam und rituell und sehend und fühlend und schmeckend und schmatzend eine Frucht zu geniessen.

Hier also eine kurze Anleitung zum langen Fruchtgenuss:

1. Sehen Sie die Frucht an, von allen Seiten, essen Sie mit dem Auge.

2. Fühlen Sie die Frucht, fahren Sie mit dem Finger über die Frucht, fühlen Sie die Textur der Oberfläche, Testen Sie die Fruchthärte mit dem Fingerdruck.

3. Riechen Sie die Frucht, die Schale mit ihren grünfruchtigen Duftassoziationen, dann die ‚Fliege‘, mit ihren reiferen Düften. Gehen Sie Ihren Duft-Gedanken nach, an was erinnern sie Sie, was für Geschichten, Erinnerungen sind mit diesen Düften verbunden?

4. Pausieren Sie, nehmen Sie sich Zeit (Chefs bitte weglesen, das gilt natürlich alles nicht für die Firmen-Fruchtpause;-))

5. Schneiden Sie die Frucht auf, spüren Sie den Widerstand der Frucht, hören Sie das Schneidegeräusch. Wirkt die Frucht sehr fest, vielleicht unreif, oder offen-grobzellig, den Saft sofort freigebend?

6. Und wieder das Auge: Essen Sie mit dem Auge, sehen Sie die aufgeschnittene Fruchtfläche an. Sehen Sie schon den Saft der vom Schnitt verletzten Fruchtzellen? Wie ist die Farbe des Fruchtfleisches? Wie sieht (bei Kernobst) das Kerngehäuse aus, sind die Zellen fein oder grob? Was kann ich von dieser Frucht erwarten?

7. Und wieder : riechen Sie am frisch aufgeschnittenen Fruchtfleisch: Das Herz, der Körper des Geschmacks wird da für einige Minuten riechbar, Frucht als Duft.

8. Und nun der erste Biss: darauf haben Sie lange genug gewartet;-). Eine Offenbarung. Zuerst der Bisston, das Knacken des Bisses im Ohr. Die gesehene Textur des Fruchtfleisches wird nun direkt fühlbar. Fest oder weich, fein oder grobzellig? Dann der Saft, das Safterlebnis. Wie schnell wird er frei, viel oder wenig…..

9. Es folgen endlich: der Geschmack, das Aromarerlebnis: Mit dem freigewordenen Saft nehmen Sie vorne, rechts und links im vorderen Zungenbereich das Zucker-Säure-Verhältnis wahr. Der Saft wandert nach hinten, das Aroma wird breiter, lassen Sie sich nun auf Ihre Geschmacksassoziationen ein…. kauen Sie….langsam….schmatzen Sie…. schlucken Sie.

10. Nicht nur Schauspieler und Weine haben eine grossartigen Abgang, auch Früchte stehen dem in nichts nach: Atmen Sie nach dem Schlucken bewusst durch die Nase, langsam, gedankenschwer, genussbetrunken. Nehmen Sie so den Abgang des Aromas war. Dauert er lange oder endet er schnell. Ein intensives Geschmackserlebnis oder ein eher flüchtiges? Erinnerungen und Gedanken? Zeit. Fruchtzeit

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